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Die Reflektorische Atemtherapie

Univ.-Prof. Dr. Andreas Michalsen

Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin, Professor für klinische Naturheilkunde der Charité Berlin.

„Erfährt man in der persönlichen Praxis die eindrücklichen Behandlungserfolge der Reflektorischen Atemtherapie, wird deutlich, dass ihr ein sehr viel größerer Stellenwert gebührt. Für mich und mein ärztliches Behandlungsteam ist die Reflektorische Atemtherapie eine verblüffend heilsame Therapie.“

„Erfährt man in der persönlichen Praxis die eindrücklichen Behandlungserfolge der Reflektorischen Atemtherapie, wird deutlich, dass ihr ein sehr viel größerer Stellenwert gebührt. Für mich und mein ärztliches Behandlungsteam ist die Reflektorische Atemtherapie eine verblüffend heilsame Therapie.“

Die Reflektorische Atemtherapie ist eine über Jahrzehnte bewährte Methode der Physiotherapie. Durch die Aktivierung der unwillkürliche Atemreaktion werden vielfältige psychische und physische Systeme des Körpers positiv unterstützt. Die Atmung ist sozusagen das Werkzeug mithilfe dessen der Therapeut die gewünschte therapeutische Wirkung erzielt.

Ziel der Therapie ist es, die natürliche Atmung zu aktivieren und so die körperliche und seelische Gesundheit des Patienten zu fördern.

Die Arbeit mit dem System Atmung

Die Reflektorische Atemtherapie arbeitet nicht mit bewusst gesteuerten Atemübungen, sondern beeinflusst die unbewusste, unwillkürliche Atmung des Patienten.

Der Therapeut arbeitet direkt auf der Haut des Patienten und wirkt in den darunterliegenden Strukturen. Spezielle Grifftechniken an Muskeln, Faszien und Knochenhaut setzen gezielte Druck- oder Dehnungsreize, die über Nervenbahnen direkt das Zwerchfell und das Atemzentrum im Gehirn ansprechen. Der Patient erlebt seine Atmung als eigene Kraft, als etwas, das ganz von selbst geschieht, ohne bewusstes Dazutun.

Ein frei schwingendes und starkes Zwerchfell aktiviert wichtige Regulationssysteme unseres Körpers. Dies hat direkten Einfluss auf die Sauerstoffversorgung des Organismus, auf den gesamten Bewegungsapparat, auf das Nervensystem, auf das Herz-Kreislauf-System und auch auf die Funktion der Organe, Stoffwechselprozesse und unser Immunsystem.

Insbesondere das vegetative Nervensystem (VNS) wird positiv beeinflusst. Die gezielte Vertiefung und Ökonomisierung der Atmung stimuliert den Vagusnerv. Dies dämpft den Sympathikus (Stresszustand) und aktiviert den Parasympathikus, was zu körperlicher und psychischer Entspannung führt.

Wichtige Funktionen des Organismus werden tiefgreifend reguliert, Regenerations- und Heilungsprozesse ermöglicht.

Ablauf der Behandlung

In der Reflektorischen Atemtherapie steht der Mensch mit all seinen individuellen Möglichkeiten und Voraussetzungen im Mittelpunkt. Der gesamte Körper – von Kopf bis Fuß – wird einbezogen. 

Die Reflektorische Atemtherapie basiert auf drei Säulen, die sich gegenseitig ergänzen:

Wärmeanwendung

Vorbereitung und Entspannung

Zu Beginn der Behandlung werden heiße Kompressen aufgelegt. Diese entfalten eine intensive Wärme, steigern die Durchblutung und den Stoffwechsel des Gewebes und bereiten auf die weitere Behandlung vor.

Dehnungen und Lösungsgriffe ermöglichen eine Lockerung der Muskulatur und sorgen für eine Entspannung und Vertiefung der Atmung.

Manuelle Behandlung

Durch gezielte Reize die Atmung verändern

Spezifische Grifftechniken beeinflussen über neurophysiologische Reflexe die Atmung. Die Bandbreite der Griffe reicht von zarten Streichungen bis hin zu Schmerzreizen. Das Zwerchfell und die Wirbelsäule werden hierbei besonders beachtet. Die Techniken nehmen Einfluss auf die Reflexzonen, Faszien und Meridiane des Körpers.

Der Ablauf der Behandlung richtet sich nach der inividuellen Atemreaktion des Patienten.

Therapeutische Übungen

Das neue Atemerleben verankern

Die aktiven Übungen sind wichtiger Bestandteil der Therapie. Therapeutische Übungen und Positionen aus dem Yoga stabilisieren und erweitern die neu erfahrene Atembewegung.

Die Wirkung der Behandlung wird für den Patienten eigenverantwortlich und selbständig erfahrbar, stabilisiert und dauerhaft etabliert.

Mehr zu den Anwendungsgebieten

Die Reflektorische Atemtherapie beeinflusst über die Atmung wichtige Funktionen des Organismus und kann somit bei vielfältigen Beschwerdebildern und Erkrankungen eingesetzt werden:

  • Lungen- und Atemwegserkrankungen
    Asthma, COPD, Mukoviszidose, Bronchitis, Lungenfibrose u.a

  • funktionelle Atemstörungen
    Vocal Cord Dysfunction, Räusperzwang, habitueller Husten, chronische Hyperventilation, thorakale Hochatmung, subjektive Atemnot oder Atemenge u.a.

  • Erkrankungen des Bewegungsapparates und orthopädische Einschränkungen
    Skoliose, Arthrose, M. Bechterew, Gelenkblockaden und starke Verspannungen, chronische Schmerzsyndrome, Rücken-, Hüft- oder Schulterschmerzen u.a.
  • neurologische Erkrankungen
    M. Parkinson, Multiple Sklerose, ALS und Einschränkungen nach Schlaganfällen, Migräne

  • funktionelle Störungen der inneren Organe
    Reizdarmsyndrom, Verdauungsbeschwerden, Sodbrennen, Übelkeit, funktionelle Herzbeschwerden u.a.

  • psychosomatische Störungen
    Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen, Unruhe

  • Störungen der Stimme und des Schluckvorganges
  • Post-Covid
  • ME/CFS

Die Reflektorische Atemtherapie eignet sich aufgrund ihrer neurophysiologischen Heransgehendweise in besonderer Weise für Menschen, bei denen eine aktive und willkürliche Mitarbeit nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Sie wird daher auch in speziellen medizinischen Fachrichtungen eingesetzt:

  • in der Frühgeborenen- und Kinderheilkunde

  • in der Intensivmedizin

  • in der Palliativmedizin

Eine physiologische Atmung unterstützt ebenso präventiv

  • in Phasen besonderer körperlicher, mentaler oder emotionaler Belastung
  • im Leistungssport
  • die Arbeit an Stimme, Sprache und Ausdruck von (professionellen) Sängern oder Vielsprechern (Lehrer, Redner,…)

Entstehung und Geschichte der Therapie

Dr. Johannes Ludwig Schmitt und Liselotte Brüne entwickelten ein unverwechselbares, ganzheitliches Behandlungskonzept, das den Menschen in seiner Gesamtheit in den Mittelpunkt stellt.

Dr. Johannes Ludwig Schmitt – der „Atemdoktor“

24.06.1896 – 19.09.1963

Der Internist und Arzt für Naturheilkunde Dr. Johannes Ludwig Schmitt galt schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Pionier der Atemheilkunst in Deutschland. In seiner naturheilkundlichen Klinik in München behandelte er seine Patienten mit der von ihm entwickelten „Atemmassage“ und wurde anerkennend der Atemdoktor genannt. Dabei betrachtete er Atmung nicht nur nur als reine Funktion der Lunge, sondern erkannte bald den Zusammenhang zwischen Atmung, Bewegung und Haltung des Menschen. Körper und Seele waren für ihn untrennbar miteinander verbunden. Mit dieser ganzheitlichen Vorstellung über die Zusammenhänge von Körper, Geist und Seele war er seiner Zeit weit voraus.

Mit seinem Lebenswerk „Die Atemheilkunst“ (1956) entstand die Basis für die Entwicklung der Reflektorischen Atemtherapie als Gesamtkonzept.

Liselotte Brüne – eine Methode findet ihren Weg

28.01.1916 – 11.09.2016

Liselotte Brüne lernte die „Atemmassage“ zunächst selbst als Patientin bei Dr. J.L. Schmitt kennen. Beeindruckt von diesen Erfahrungen, engagierte sich die erfahrene Krankengymnastin für das ganzheitliche Konzept. Basierend auf der Atemmassage und der Atemgymnastik von Dr. J.L. Schmitt ordnet und strukturiert sie die Griffe und Techniken und etabliert die Reflektorische Atemtherapie als fundiertes Konzept in der Physiotherapie.

Liselotte Brüne gehörte 1965 zu den Gründungsmitgliedern der „Arbeitsgemeinschaft Atemtherapie“ des Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK). Bis ins hohe Alter unterrichtete sie persönlich und bildete engagiert und mit viel Freude weitere Lehrtherapeuten aus.

Sie veröffentlichte zahlreiche Fachartikel und Beiträge in Fachzeitschriften, welche die Reflektorische Atemtherapie vertiefen und ihre Anwendungsgebiete aufzeigen. Für die Etablierung der Reflektorischen Atemtherapie in der Physiotherapie erhielt sie im Jahr 2003 das Bundesverdienstkreuz.

Die Therapie heute

Die Reflektorische Atemtherapie ist heute fester Bestandteil der Atemphysiotherapie und Physiotherapie.

Jahrzehntelange physiotherapeutische Erfahrung findet heute in den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften, Faszienforschung und Psychosomatik ihre Bestätigung

  • Neurophysiologischer Reflexwege statt „Atemübungen“

    Die RAT nutzt die Tatsache, dass das Gehirn auf bestimmte Reize an Haut und Muskeln (kutiviszeraler Reflex) mit einer unwillkürlichen Antwort reagiert. Diese Herangehensweise ermöglicht Reaktionen, die der Patient willentlich nicht erreichen kann.  Die RAT ist  daher besonders wertvoll für die Rehabilitation nach schweren Erkrankungen (z.B. Post-Covid, ME/CFS), oder chronischen Beschwerden, bei denen Atmung und Bewegung und Psyche dauerhaft belastet sind.

  • Ganzheitliches Herangehen statt isolierter Symptombehandlung

    Der menschliche Körper ist ein hochkomplexes, vernetztes System, in dem Nerven, Immunsystem, Psyche und Hormone permanent miteinander kommunizieren. Die RAT behandelt nicht nur das vordergründige Symptom, sondern reguliert über die Atmung das gesamte Nerven- und Bewegungssystem des Menschen. 

  • Fokus auf das vegetative Nervensystem (Vagus-Training)

    Aktuelle Studien unterstreichen die Bedeutung des Vagusnervs für die Stressregulation. Die RAT ist eine effektive Methode, um diesen „Ruhenerv“ zu stimulieren und so vom Stressmodus (Sympathikus) in den Regenerationsmodus (Parasympathikus) umzuschalten.

  • Integration moderner Faszienforschung

    Die RAT arbeitet gezielt an myofaszialen Strukturen, die heute als hochsensible Sinnesorgane verstanden werden. Das Lösen von Faszien kann die Atembewegung erweitern, die allgemeine Beweglichkeit verbessern und chronische Schmerzen lindern.

  • Die Kraft der Berührung

    Die RAT ist eine Hands-On-Therapie. Sie nutzt die Hand des Therapeuten und die Kraft Berührung um neurophysiologische Prozesse aktivieren und Regeneration zu unterstützen.